wohlfühlen wie zu hause
Hotel Seehof: von Hans Jörg Falz / MAX Magazin
Wer hätte gedacht, dass ein Satz reicht, um den Aufenthalt im Hotel "Seehof" in Goldegg, 60 Kilometer südwestlich von Salzburg gelegen, zu beschreiben? Ein einziger Satz, und der lautet so:
Ein gutes Hotel erkennt man daran, dass man sich nicht wie ein Gast in einem Hotel fühlt, sondern so, als wäre man zu Hause.
Sich im "Seehof" als Gast so wohl zu fühlen, gleich von der ersten Sekunde an, hat viele Gründe. Zuallererst liegt dies aber an Susi und Sepp Schellhorn, den Eigentümern. Den freundlichen Gastgebern. "Er ist der Kreative", sagt sie, "ich weiß, wie ich seine Ideen kanalisiere und umsetze." Zusammen sind sie eine gute Paarung, die sich seit der Schule kennt. Und die schon in Elternhäusern groß geworden sind, in denen sich alles um die Gastronomie drehte. Wohl von denen haben Susi und Sepp Schellhorn das Verwöhn-Gen geerbt.
Der Patron selbst herrscht in der Küche. Sie organisiert und leitet den Betrieb. Tagsüber sieht man sie das Restaurant mit Blumen schmücken oder die Nähe zu ihren Gästen suchen, um denen etwaige Wünsche von den Lippen abzulesen. Ihn erspäht man manchmal, wie er mit verschmitztem Lächeln telefonierend in seinem Büro sitzt, denn die Türen - auch zu ihren privaten Bereichen - stehen meistens offen. Auch das ist eine Besonderheit, die Nähe und Geborgenheit schafft.
Abends in der Küche erreicht er seine Betriebstemperatur. Man sieht es an seinem Gesicht. Es war blass, als er vor den Gasherd trat, es wurde rot, röter, feuerrot und jetzt sieht es so aus, als wäre der Kopf des Zwei-Hauben-Kochs so heiß wie ein Ceranfeld.
Sepp Schellhorn lässt gerade in einer Kupferpfanne Schalotten, Cornichons, Dijonsenf und Olivenöl zu einer Masse verschmelzen, einer genial schmeckenden Masse. Spricht man ihn in solchen Momenten an, zuckt er erschrocken zusammen, so, als hätte man ihn aus einer Welt, in der nur der Geruch und der Geschmack existieren, herbeizitiert. "Kochen", gesteht Sepp Schellhorn, "ist totale Leidenschaft. Diese Leidenschaft hast du im Blut - oder nicht." Er hat sie.
Noch als Jugendlicher hielt er "die Küche für den stinkendsten Raum im Haus" - ganz rebellierender Spross einer Gastronomenfamilie wollte er Skirennläufer werden (welcher Österreicher nicht?), doch dann ging er in Trento, Italien, beim legendären Bernard Fournier in die Lehre - und seine Leidenschaft für die mediterrane Küche war entfacht. Wieder zu Hause wurde er mit 23 Jahren der jüngste Sternekoch Österreichs, unlängst verliehen ihm die Kritiker des Gourmetführer "Gault Millau" 15 Punkte. Was er aus seiner Küche an österreichisch-mediterranen Gerichten ins Restaurant "Hecht" tragen lässt, treibt den Wohlfühlfaktor des Gasts in ungeahnte Höhen. Es sind leichte, leckere Kreationen. Viel Fisch, viel Gemüse, wenig Sättigungsbeilagen. "Alle wollen doch genießen, wollen gern und gut essen, aber nicht zunehmen", erklärt Sepp Schellhorn. "Meine Gäste sollen genießen, sehr sogar, aber nach dem Menü sollen sie nicht sagen: ,Ich kann nicht schlafen, ich bin so voll '."
Zur Halbpension im "Seehof" gehört morgens ein opulentes Frühstücksbüffet und abends ein Fünf-Gänge-Menü in Zwei-Sterne-Qualität. Und ganz wichtig zu erwähnen ist, dass man diese Mahlzeiten nicht in einem steifen Ambiente einnimmt, wo großkopferte Angestellte sich der Besonderheit ihrer Arbeit bewusst sind. Im "Seehof" ist es gemütlich, der Service ist perfekt, aber lässig. Freundlich, nicht aufdringlich. Kompetent, aber nicht schulmeisterlich.
Sepp Schellhorn verarbeitet Zutaten aus der Region, das heißt, dass er den Landwirt kennt, der das Fleisch liefert, weiß, aus welchem Waldstück die Pfifferlinge stammen. Und so kreiert er Leckereien wie frische Krebse aus dem See in drei verschiedenen Variationen, die einem schon beim Betrachten das Wasser im Mund zusammenziehen. "Gaumenaquaplaning" nennt er das. So gut würde man auch gerne zu Hause essen.
Der zweite Grund, warum man sich bei Schellhorns wie zu Hause fühlt, ist das Haus. Vielmehr: das Hotel. Die 30 Zimmer des dreistöckigen Fachwerkbaus sind alle liebevoll und individuell von Susi Schellhorn persönlich gestaltet; zum Teil sogar mit Familienantiquitäten und historischen Gemälden. Es gibt Zimmer für Träumer, die aus der Badewanne heraus über den Garten, über das Schilfgras im Sumpf auf den malerischen Moorsee schauen wollen. Es gibt Zimmer für Romantiker, die sich an alten Bauernschränken und plüschigen Sofas satt sehen können. Es gibt Zimmer für verwöhnte Großstädter, die von Designern wie Matteo Thun entworfen sein könnten: mit runden Badewannen auf Holzpodesten, die mitten im Raum stehen. Oder bunten Wänden. Susi Schellhorns liebstes Arrangement ist das Fischerzimmer mit einem großen blauen, surrealistischen Acrylgemälde, dass aus der Neuen Leipziger Schule um Professor Arno Rink stammen könnte. Es gibt aber auch ein Blumenzimmer, ein Flaschenzimmer und eine Kasperlsuite. Im Sommer sind die hohen, versenkbaren Fenster im Restaurant und in der Halle in weiße Stoffgardinen gehüllt. Im Winter mag Susi Schellhorn es wärmer, dann holt sie die schweren lilafarbenen Vorhänge heraus.
Auch diese öffentlichen Räume atmen privaten Charakter: Durch die Lounge tobt schon mal Franzi, die jüngste Tochter von Sepp und Susi Schellhorn. Mit einem WMF-Haarsieb in der Hand rennt sie dann über die über drei Ebenen zum See hin gezogene Terrasse, die zwei uralte Kastanienbäume überdachen, zur Regenwassertonne, weil sie darin Kaulquappen entdeckt hat, die sie unbedingt herausfischen möchte.
Unter der Decke in der uralten Gaststube hängt immer noch der blecherne Behälter, in den die sonntäglichen auf den Kirchgang verzichtenden Frühschoppengäste ihren Obolus entrichteten, den der Pfarrer damals höchstpersönlich abholte - um auch immer "auf ein Glaserl" zu bleiben.
Im ultramarinblau gestrichenen Salon stapelt sich das Holz neben dem Kamin, aufgetürmt zwischen Wand und einer Glasscheibe - und wer sich auf dem roten Sofa niederlässt, muss aufpassen, dass er ob der kuscheligen Atmosphäre nicht total die Zeit vergisst. Beim Schmökern in einem Buch, beim Blättern in der großen Auswahl an aktuellen Tageszeitungen. Oder einfach beim Zuhören der Musik, die man selbst bestimmen kann, indem man auf der alten Jukebox G2 (Wildererjodler ) oder A8 (Wonderful World) drückt.
"Hier, in den "Seehof", kommst du", so Susi Schellhorns Credo, "um dich vier, fünf Tage verwöhnen zu lassen. Ich wollte daher immer ein besonders gastliches Haus, einen Platz zum Wohlfühlen."
Von Sepps Eltern haben sie vor acht Jahren den "Seehof" übernommen und vom Landhotel in ein vorzügliches Genießerhotel verwandelt. Neulich auf der Speisekarte des Hauses stand ein Sinnspruch, der zugleich das Motto des Schellhorn'schen Betriebs sein könnte: "Ziehe Dich vom Lärm der Welt zurück", stand da, "in der Stille kannst Du das Flüstern der Unendlichkeit hören."
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